Als dieses Biedermeier-Sofa in unsere Werkstatt kam, wurde sofort klar, dass hier sehr umfangreiche Arbeiten erforderlich sein würden. In dem auf den Bildern gezeigten Zustand: mit zerrissenem, muffigem Innenleben sowie auseinanderfallendem, rissigem Nussbaum-Sägefurnier – die Spuren jahrzehntelanger Vernachlässigung müssen beseitigt werden.
Während der Demontage bestätigten die konstruktiven Details eindeutig, dass es sich um ein originales, zeitgenössisches Stück handelt. Es war eindeutig erkennbar, dass sämtliche Zapfenverbindungen handwerklich ausgeführt waren – unregelmäßig, kein Teil gleicht dem anderen. Die handgeschmiedeten Federn befanden sich noch an ihrem ursprünglichen Platz; zusammenfassend deutete alles darauf hin, dass das Sofa vermutlich irgendwann zwischen 1825 und 1845 in einer mitteleuropäischen Werkstatt gefertigt wurde.
Bei der Untersuchung der Holzkonstruktion stieß ich auf ein interessantes, handgeschlagenes (möglicherweise) Meisterzeichen.
In der Biedermeierzeit erfolgte die Möbelherstellung überwiegend in Einzelwerkstätten, weshalb sich kein einheitliches Kennzeichnungssystem wie etwa im Goldschmiedehandwerk entwickelte. Dennoch versahen einige Meister ihre Arbeiten mit Meisterzeichen: mit handschriftlich angebrachten oder mit dem Pinsel aufgetragenen Namen, mit Monogrammen, seltener mit eingebrannten Stempeln, überwiegend an nicht sichtbaren Teilen des Möbels. Diese Zeichen dienten nicht dekorativen Zwecken, sondern fungierten als Werkstattkennzeichnung und als Ausdruck persönlicher Verantwortlichkeit des Meisters. Aus sammlerischer und kunstmarktbezogener Sicht besitzen solche zeitgenössischen Meisterzeichen besondere Bedeutung, da sie das Möbelstück authentifizieren und wertvolle Hinweise auf seine Herkunft liefern und eine direkte Verbindung zwischen Werk und Schöpfer herstellen.
Doch leider scheiterten all meine Bemühungen, die Identität des Meisters bzw. der Manufaktur zu klären. Konstruktiv basiert das Möbel auf einem Grundgestell aus Fichtenholz, der mit Nussbaum-Sägefurnier belegt ist. Wichtig ist zu wissen, dass es sich hierbei nicht um Furnier im engeren Sinne handelt: Furnier ist ein dünnes, maschinell hergestelltes Holzblatt von etwa 0,5–2 mm Stärke, während es sich bei dem Sägefurnier um eine stärkere Schicht von etwa 2–4 mm handelt, die traditionell von Hand oder mit der Gattersäge hergestellt wurde; es ist langlebiger und war charakteristisch für hochwertige Möbel des 19. Jahrhunderts.
Wo originale Federn in einem derart hervorragenden Zustand erhalten sind, ist dies stets als echter Wert zu betrachten; daher kam es nicht einmal in Betracht, neue Federn zu verwenden. Sie wurden verstärkt, gereinigt und wieder an ihrem ursprünglichen Platz eingesetzt. Die Polsterung erfolgte in traditioneller Technik: Afrique, Watte und Leinengewebe kamen an die Stelle des mit allerlei Stoffen vollgestopften Innenpolsters. Die Holzarbeiten wurden von hervorragenden Kollegen ausgeführt: Jeder Zentimeter des Nussbaum-Sägefurniers wurde von Hand geschliffen und anschließend mit klassischer Schellackpolitur behandelt – exakt mit jener Methode, die bereits im 19. Jahrhundert Anwendung fand.
Der vom Kunden gewählte himmelblaue, floral gemusterte Bezugsstoff mit Tulpen und bunten Blüten ist eine mutige Entscheidung. Er zollt den floralen Mustern der Biedermeierzeit Respekt und verleiht dem Möbelstück zugleich eine moderne Farbwirkung. Das lebendige Blau hebt die warmen, braunen Töne des Nussbaum-Sägefurniers besonders schön hervor.
Dieses Sofa ist nun bereit, über weitere Jahrzehnte hinweg genutzt zu werden; denn das nahezu zweihundert Jahre alte Gestell, die traditionellen Polstertechniken sowie die fachgerecht erneuerte Konstruktion und das Sägefurnier gewährleisten dies.