In der Geschichte der Möbelkunst gibt es Formen und Details, die nicht lediglich dekorative Elemente sind, sondern das Denken und den Geschmack einer Epoche zum Ausdruck bringen. Dazu gehört das Cabriole-Bein, das die Eleganz der Bewegung in geschnitztem Holz festhält, ebenso wie der geometrisch gemusterte Polsterstoff, der die Ästhetik von Ordnung und Harmonie in Alltagsgegenstände einwebt. Diese beiden Motive entstanden in unterschiedlichen Epochen, begegnen sich jedoch häufig am selben Stuhl oder an derselben Armlehne – als würden Form und Textur einen feinen Dialog miteinander führen.
Das Cabriole-Bein erschien zu Beginn des 18. Jahrhunderts in Frankreich, in der Régence- und frühen Rokokozeit, etwa zwischen 1715 und 1730. Der Begriff leitet sich vom französischen Wort cabriole ab, das einen Sprung oder Hüpfen bezeichnet – und diese Bewegung widerspiegelt sich auch in seiner Form. Das Bein ist am Knie konvex ausgeformt und schwingt sich zum Fuß hin wieder zurück, als stünde das Möbelstück kurz davor zu tanzen. Diese Linienführung erinnert an die Schönheit der Bewegung, folgt den Proportionen des menschlichen Körpers und seiner natürlichen Dynamik.
Zu den frühen Meistern dieser Form zählte André-Charles Boulle, Möbeltischler am Hof Ludwigs XIV., der von der barocken Ornamentik ausging, jedoch bereits eine graziösere, lebendigere Formensprache entwickelte. Das Cabriole-Bein verbreitete sich rasch in ganz Europa: In England führte Thomas Chippendale diese Form zur Vollendung und machte sie zu einem prägenden Element des Queen-Anne- und des Chippendale-Stils. Häufig finden sich an diesen Beinen Tierklauen- oder Kugelfüße, die die Illusion von Bewegung zusätzlich betonen.
Bis zum Ende des 18. Jahrhunderts, mit dem Aufkommen von Klassizismus und später von Biedermeier, wurde die Form schlichter. Die dekorativen Elemente traten zurück, doch die geschwungene, an menschliche Bewegung erinnernde Linie blieb erhalten.
Zu einem Bein, das die Feinheit der Bewegung verkörpert, passt ein geometrisches Stoffmuster, welches Ordnung und Harmonie repräsentiert. Solche Muster fanden vor allem im 18. und 19. Jahrhundert Eingang in die Möbelpolsterung. Die Seidenweber von Lyon perfektionierten die Technik kleiner, sich wiederholender Muster, die in Form von Damast und Brokat Rokoko- und klassizistische Möbel schmückten.
Während der Biedermeierzeit, zwischen 1815 und 1848, wurde die Ornamentik zurückhaltender, die Farben heller und die Muster regelmäßiger. Die Polsterstoffe wiederholten sich in kleinen Rauten, Quadraten oder stilisierten Blumen, in symmetrischer Ordnung. Das geometrische Motiv war in dieser Epoche nicht bloß Dekoration, sondern eine Art von Weltanschauung: die Verkörperung von Rationalität, Maßhaltung und häuslicher Harmonie.
Die wohlproportionierte Form der Beine dieses Biedermeier-Stuhls verweist auf Bewegung und Lebendigkeit, während das Stoffmuster Ordnung und Beständigkeit ausstrahlt. Heute, da das zeitgenössische Design klassische Formen neu entdeckt, sind diese beiden Motive erneut aktuell: Das Zusammenspiel von geschwungenem Holz und regelmäßigem Muster feiert nach wie vor die Eleganz der Harmonie und Bewegung.
Die Holzteile wurden von meinem Tischlerkollegen neu verleimt, fehlende Furniere ergänzt und die Oberflächen poliert. Die Stühle und Armlehnstühle wurden in traditioneller Technik neu gepolstert und die Sitzfläche wurde mit dem von meinem Auftraggeber gewählten Bezugsstoff neu bezogen.